Fundstücke & Anekdoten
Tücken der Familienforschung
Wenn im Winter die Nächte länger werden und die Beschäftigung nach drinnen verlagert wird, kommen viele Leute auf die Idee, sich mit der eigenen Familienforschung auseinander zu setzen.
Durch verschiedene Online-Angebote ist dies mittlerweile auch gut vom heimischen Sofa aus zu bewerkstelligen.
Regenwetter war genau die richtige Atmosphäre für Familienforschung, fand Martin*, während er die nächste Kirchenbuchkopie anklickte. Seit Monaten verfolgte er die Spur seines Ururgroßvaters Johann Georg Bühler – unehelich geboren im März 1854, evangelisch, Mutter war Katharina Bühler – nur wenig zusätzliche Angaben waren Martin bekannt.
Die Dokumente erzählten nun ein völlig andere Familiengeschichte.
„Das gibt’s doch nicht“, murmelte Martin.
In seinem Familienstammbuch gab es zwei Heiratsurkunden.
Die erste: Johann Georg Bühler heiratete 1876 in Ottoschwanden eine Christina Dick.
Die zweite: Johann Georg Bühler heiratete 1880 in Emmendingen eine Friederike Blau.
Gleicher Name. Gleiches Geburtsjahr und gleicher Geburtsmonat. Die Mutter jeweils Katharina Bühler.
Und das Beste: Beide Ehefrauen lebten laut Sterberegistern noch Jahrzehnte parallel und hatten mehrere Kinder mit Johann Georg Bühler, was bedeutet, es kann keine Scheidung stattgefunden haben.
Martin lehnte sich zurück. Ein Bigamist im Stammbaum! Das würde die langweilige Ahnenreihe aus Müllern, Schreinern und Fuhrknechten schlagartig aufwerten. Er stellte sich schon vor, wie er beim nächsten Familientreffen beiläufig sagen würde: „Nun ja, der Johann Georg hatte offenbar zwei Ehefrauen gleichzeitig.“
Die Recherche wurde zu einem persönlichen Kriminalfall. In alten Verzeichnissen tauchte immer nur Johann Georg auf. Das schien den Fall eindeutig zu machen. Zwei Leben. Zwei Familien. Ein Mann mit erstaunlicher logistischer Begabung.
Doch Martin suchte weiter – nun im Stadtarchiv Emmendingen – denn irgendetwas störte ihn.
In einer Registerauskunft tauchte nun plötzlich bei einem Zeugen der Heirat in Emmendingen nicht mehr Ottoschwanden als Wohnort auf – sondern Kenzingen. Zuvor gab es keinerlei Verbindung nach Kenzingen. Das passte nicht zusammen.
Martin grub weiter.
Der entscheidende Hinweis fand sich schließlich nun doch offline – im Emmendinger Stadtarchiv. In den Beilagen der zweiten Eheschließung wurde im Aufgebot im Nachgang eine Korrektur vorgenommen – allerdings eine falsche.
Statt der korrekten 25 wurde nun der 10. März als Geburtstag eingetragen und so tatsächlich die Verwirrung perfekt gemacht.
Tatsächlich gab es zwei Männer:
• Johann Georg Bühler, geb. am 10.03.1854 in Ottoschwanden, verheiratet mit Christina Dick.
• Johann Georg Bühler, geb. 25.03.1854 in Ottoschwanden, verheiratet mit Friederike Blau.
Beide nahezu gleich alt, beide uneheliche Söhne einer Katharina Bühler – in unmittelbarer Nähe. Und weil in den Dokumenten mal der Rufname, mal der erste Taufname verwendet wurde, hatte ein späterer Korrektor die beiden Personen unabsichtlich verschmolzen.
Der sensationelle Bigamist zerfiel zu einem Verwaltungsfehler.
Als Martin seiner Mutter davon erzählte, schwieg sie kurz und sagte dann trocken:
„Schade eigentlich. Ein Bigamist wäre interessanter gewesen.“
Martin musste lachen. Genau das war die Tücke der Familienforschung: Je spektakulärer eine Entdeckung wirkte, desto größer war die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwo ein Pfarrer oder ein Standesbeamter im Jahr 1880 einfach nur eine unleserliche Handschrift falsch interpretiert hatte.
Und geläufige Namen sind die schlimmsten Fälle von allen. In manchen Dörfern schien jede zweite Familie aus Johanns, Josefs und Annas zu bestehen — als hätten sich die Menschen abgesprochen, künftige Ahnenforscher systematisch in den Wahnsinn zu treiben.
Das Stadtarchiv Emmendingen hilft gern bei Familienforschungen. Einfach an stadtarchiv@emmendingen.de wenden.
*Name des Familienforschers frei erfunden, historische Daten korrekt wiedergegeben







